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Die Geschichte der Familie Michel

Unter den jüdischen Familien Weilburgs nimmt die Familie Michel einen besonderen Platz ein, denn ihre Geschichte lässt sich lückenlos bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, und sie ist bis heute, bis in die Gegenwart, mit Weilburg verbunden.

Erste Spuren

Am Anfang des Familienstammbaums steht der „Handelsmann“ Abraham Michel, der am 06.05.1839 in Waldhausen verstarb, wo er auch geboren wurde. Seine Ehefrau Adelheid war eine geborene Kallmann, sie verstarb am 02.11.1841. Abraham und Adelheid Michel wurde am 29.09.1805 ein Sohn mit Namen Nathan geboren. Es ist unbekannt, ob Nathan noch Geschwister hatte. Nathan heiratete 1833 Vogel Cahn, die am 28.01.1809 in Schupbach als Tochter des Handelsmanns Salomon Cahn (Katz) und dessen Ehefrau Johanna geb. Schamberg geboren wurde. Die künftigen Eheleute schlossen einen Ehevertrag, der von beiden Partnern unterschrieben wurde und dessen Original sich noch heute im Besitz der Familie Michel befindet.

Am 14.10.1833 wurde den Eheleuten als erstes Kind der Sohn Michael geboren. In den nachfolgenden Jahren wurde die noch kleine Familie jedoch von Schicksalsschlägen heimgesucht: Die Ehefrau Vogel erlitt fortwährend Totgeburten. Im Sterberegister der jüdischen Gemeinde Weilburg sind Totgeburten für die Jahre 1836, 1837, 1838, 1840, 1845, 1847, 1848 und 1849 vermerkt. Im Jahre 1841 brachte Vogel die Zwillingsschwestern Sara und Hanna (= Hannche) zur Welt. Während Sara drei Wochen nach der Geburt starb, überlebte Hanna.

Am 9. Mai 1845 wurde die Synagoge Weilburg im Haus Bogengasse 2 eingeweiht. Aus Anlass dieses denkwürdigen Tages wurden die Namen aller damaligen Gemeindemitglieder in einer Akte festgehalten. Die Gemeinde Weilburg zählte am 9. Mai 1845 93 Mitglieder, darunter auch die vierköpfige Familie Michel, die im „Filialort“ Waldhausen der Gemeinde Weilburg ansässig war. An der Einweihungsfeier nahm die Familie vermutlich aber nicht teil, denn sie trug am gleichen Tag wieder ein Kind zu Grabe.

Hannche (Hanna) heiratete 1866 in Waldhausen Gerson Schamberg. Gerson Schamberg war laut Register von Beruf „Handelsmann“ und wurde am 26. Januar 1834 in Neunkirchen (Westerwald) geboren. Am 9. Mai 1867 wurde in Waldhausen die Tochter Johanna geboren. Ihre Mutter Hanna verstarb am 11. Mai 1867, vermutlich an den Folgen der Geburt.

Gerson Schamberg heiratete 1869 wieder und zog nach Weilburg. Hier wurde er Vater von 3 Töchtern (geboren 1870, 1871 und 1873). Die Akte enthält keine Hinweise auf das Schicksal von Hannas Tochter Johanna.

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Löhnberg

Als Michael Michel im Jahre 1901 starb, wurde er auf dem jüdischen Friedhof Weilburg beerdigt. Viele Jahrzehnte war jedoch nicht bekannt, wo sich die Grabstätten seiner Eltern Nathan und Vogel Michel und seiner Schwester Hannche befinden. Im Februar 2021 wurden auf dem jüdischen Friedhof Löhnberg zufällig zwei Grabsteine entdeckt, die zweifelsfrei der Familie Michel zugeordnet werden konnten, beide Grabsteine stehen nebeneinander.

Der Grabstein trägt folgende deutsche Inschrift: „Hier ruhet in Gott Hannche Schamberg geb. Michel von Waldhausen, geb. 24. Juni 1841, gest. den 11. Mai 1867. Friede ihrer Asche.“

Der andere Grabstein ist zwar beschädigt und nur noch als großes Bruchstück erhalten, doch können die lesbaren deutschen Inschriften eindeutig der Familie Michel zugeordnet werden: „Hier ruhet in Gott … Nathan Michel von Waldhausen.“ Auch die Ehefrau mit dem Vornamen „Vogel“ und ihrer Herkunft aus Schupbach ist ebenfalls über die deutsche Inschrift eindeutig zu identifizieren. Allem Anschein nach handelte es sich um einen Doppelgrabstein von Nathan und Vogel Michel. Im Oktober 2023 wurde jedoch eine Expertise vorgelegt, die zu dem Ergebnis kam, dass es sich bei dem vermeintlichen Doppelgrabstein nur um den Grabstein von Vogel Michel handelt, Nathan Michel sei nur als Ehemann erwähnt, „aber höchstwahrscheinlich nicht dort beerdigt“.

Am oberen Rand des Friedhofs stehen zwei kleine Grabsteine, deren hebräische Inschriften nur bei Streiflicht lesbar sind. Es handelt sich hierbei offensichtlich um die Grabsteine der Eltern von Nathan Michel, Abraham und Adelheid Michel.

Es bleibt rätselhaft, warum die Toten in Löhnberg und nicht in Weilburg bestattet wurden. Vielleicht war hierbei der Wohnort der Verstorbenen (bei Abraham, Adelheid, Hannche und Vogel jeweils Waldhausen) maßgebend. Unzweifelhaft ist dagegen, dass in der Vergangenheit versucht worden ist, einen Grabstein zu zerstören. Es ist unbekannt, wann und von wem dieser Versuch unternommen wurde, vermutlich wurde die Tat in der NS-Zeit verübt. Der Stein wurde dabei erheblich in Mitleidenschaft gezogen.