Bauer Reunion - 2026
Großes Treffen der Bauer-Familie in Weilburg
Am 1.8.2026 fand in Weilburg ein außergewöhnliches Familientreffen statt, das ca. 50 Personen aus den USA, aus Israel und Brasilien und aus Deutschland zusammenführte. Alle Teilnehmer waren Nachfahren der Eheleute Jonas und Fanny Bauer, die auf dem jüdischen Friedhof Weilburg begraben sind. Jonas und Fanny Bauer hatten 12 Kinder, die zwischen 1870 und 1889 geboren wurden. Nur das älteste Kind, Hermann, kam 1870 in Weilmünster zur Welt, alle anderen 11 Kinder wurden in Weilburg geboren, als letztes Kind erblickte Tochter Frieda 1889 das Licht der Welt. Die Bauer-Familie war die größte jüdische Familie in Weilburg.
Nachfahren aller Kinder leben heute vor allem in den USA, einige in Israel und Brasilien. Alle 5 – 6 Jahre treffen sich die Nachfahren zu einer „Reunion“, die erste fand bereits 1977 in San Francisco statt, mehrere sogar in Washington DC, einmal traf man sich in Brasilien.
Das Treffen 2026 in Weilburg war das erste Treffen in Europa. Schon früh wurden die Tage vom 31.07. - 02.08.2026 als Termin sowie Weilburg als Veranstaltungsort festgelegt. Die detaillierten Vorbereitungen begannen dann im Vorjahr und wurden von einem Ausschuss koordiniert, an dessen Spitze Fern Thomas (New York) stand, eine Urenkelin von Albert Bauer, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg in die USA ausgewandert war. Zur Wahl Weilburgs stellte Fern Thomas fest: „We chose Weilburg because it is the home of Jonas and Fanny and their children. Many of us wanted to see where our family comes from. “
Im Verlauf des 31. Juli trafen ca. 50 Teilnehmer im Schlosshotel Weilburg ein, etwa eine Hälfte aus den USA und die andere Hälfte aus Israel, Brasilien und Deutschland. Es kamen Einzelpersonen, Ehepaare und Familien mit Kindern. Die älteste Teilnehmerin war die 89-jährige Ruthie Almogi aus Israel, Enkelin von Lina Bauer, und die jüngste Teilnehmerin war Ruthies Urenkelin, die einjährige Aluma.
Am Abend des 31. Juli fand eine kurze Eröffnung des Treffens statt. Da Englisch die „Konferenzsprache“ des Treffens war, begrüßte Stav Eden (Tel Aviv) im Namen des Organisationskomitees die Teilnehmer in englischer Sprache. Auch Bürgermeister Dr. Hanisch überbrachte die Willkommensgrüße der Stadt Weilburg in englischer Sprache. Er dankte für die Wahl Weilburgs als Veranstaltungsort und wünschte dem Treffen einen guten Verlauf. Fern Thomas überreichte namens der Bauer-Familie eine Plakette an Bürgermeister Hanisch und Joachim Warlies Zum Abschluss der Eröffnung entzündeten Frauen zwei Kerzen und erinnerten mit Rotwein und Brot daran, dass die Eröffnung am Vorabend des jüdischen Shabbat stattfand.
Der Friedhofbesuch
Vier Grabsteine des Friedhofs erinnern heute an die Familie Bauer: die beiden Grabsteine der Eheleute Jonas und Fanny Bauer, der Gedenkstein für die im Weltkrieg gefallenen Brüder Harry und Moritz Bauer und das Kindergrab von Joachim Bauer. Beim Rundgang auf dem Friedhof nahmen die Besucher diese Grabsteine nacheinander in Augenschein und erfuhren von Joachim Warlies Einzelheiten zur Familiengeschichte, die ihnen bislang nicht bekannt waren. Zum Beispiel, dass Fanny Bauer im Juli 1921 im Haus ihrer Töchter Lina, Clementine und Frieda in Aachen verstarb. Da sie aber in Weilburg beerdigt werden wollte, wurde sie von Aachen nach Weilburg überführt.
Am Grabstein von Joachim Bauer, der als einjähriges Kind im Januar 1918 verstorben war, erfuhren die Nachfahren, dass Julius Bauer, Joachims Vater, bereits Anfang 1916 aus dem Krieg nach Weilburg zurückkehrte, verwundet und dekoriert mit dem Eisernen Kreuz. Er wollte seine Verwundung in Weilburg ausheilen, was aber nicht gelang. So verblieb Julius bis zum Kriegsende in Weilburg und überlebte den Krieg, während sein Bruder und Geschäftspartner Moritz als Kriegsgefangener 1916 in einem russischen Lager verstarb. Julius nahm noch während des Krieges seine Viehhandelsgeschäfte wieder auf.
In unmittelbarer Nähe des Grabes von Joachim Bauer finden sich zwei Gedenktafeln, die 1920 bzw. 1978 an der Friedhofsmauer angebracht wurden.
Die rechte Tafel wurde 1920 von der jüdischen Gemeinde angebracht und erinnerte mit pathetischen Worten an die vier jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen: „Es starben den Heldentod für’s Vaterland …“ Außer den Gebrüdern Harry und Moritz Bauer fielen noch Julius Cahn und Saly Moses. Die linke Gedenktafel wurde 1978 vom damaligen hessischen Landesrabbiner Ernst Roth enthüllt, sie trägt folgende Inschrift: „Zur Erinnerung an die jüdischen Einwohner der Stadt Weilburg, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind.“
Das Nebeneinander der beiden Tafeln erinnert an Besonderheiten und Widersprüche deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. Joachim Warlies wies seine Zuhörer darauf hin, dass Verwandte der „Helden“ von 1920 dem Holocaust zum Opfer fielen. So wurden die Schwestern von Harry und Moritz Bauer, Clementine und Lina, Opfer des Holocaust.
Am Grabstein von Jonas Bauer (1837 – 1903) endete der Rundgang auf dem Friedhof. Während Joachim Warlies bis dahin die deutschen Grabinschriften der Grabsteine für seine Zuhörer ins Englische übersetzt hatte, erfolgte am Grabstein von Jonas Bauer ein Rollentausch: Ein israelischer Nachfahre erläuterte die hebräische Grabinschrift und übersetzte sie für seine Verwandten aus den USA und Brasilien ins Englische.
Auf der Rückfahrt vom Friedhof in die Altstadt legte der Bus einen Zwischenstopp beim Haus Ahäuser Weg 10 ein, das eine wichtige Rolle in der Familiengeschichte gespielt hatte: Seit 1908 hatte das Haus der Familie Bauer gehört, hier hatte die Familie Julius Bauer bis 1938 gelebt, bevor sie nach Brasilien emigrierte. Viele Teilnehmer nutzten die Gelegenheit und ließen sich gruppenweise im Eingangsbereich des Hauses fotografieren. So kam der Vormittag des 1. August noch zu einem emotionalen Abschluss.