Die Bauer-Familien im Ersten Weltkrieg
Über die Geschehnisse und Verhältnisse im Ersten Weltkrieg kann wegen der besseren Quellenlage umfassender berichtet werden als über die Jahre vor 1914. Grundlage der nachfolgenden Darstellung sind u. a. so genannte „Hauslisten“, die für die Kriegsjahre 1914 – 1918 im Historischen Archiv der Stadt Weilburg vollständig vorliegen. In diese „Hauslisten“ wurden die Namen aller Einwohner der Stadt Weilburg eingetragen, geordnet nach Straßen und Häusern. Stichtag der Eintragung war immer Mitte Oktober eines jeden Jahres.
Oktober 1914: Im Oktober 1914 wohnen im Haus Ahäuser Weg 10 Fanny Bauer mit ihrer jüngsten Tochter Frieda sowie die Familie Moritz Bauer, bestehend aus Moritz, Rosa, Sabine Auguste und Brunhilde Bauer. Moritz Bauer ist noch nicht zum Heer eingezogen worden.
Die Familie Julius Bauer, bestehend aus Selma, Erna und Norbert Bauer, wohnt im Haus Bahnhofstraße 27, in dem sich auch die Gastwirtschaft Hündt befindet. Julius Bauer ist mit Beginn des Krieges sofort eingezogen worden, er wird Soldat in Nordfrankreich.
Oktober 1915: Im Haus Ahäuser Weg 10 wohnen nur noch Rosa, Sabine Auguste und Brunhilde Bauer, denn Moritz Bauer ist im ersten Halbjahr 1915 (zwischen März und Juli) eingezogen worden. Er wird in Russland eingesetzt und gerät schon Ende Juli 1915 in russische Kriegsgefangenschaft. Rosa weiß von der Gefangenschaft ihres Mannes, sie kennt sogar die Adresse des Lagers, in dem er gefangen gehalten wird. Wahrscheinlich steht sie mit Moritz in Verbindung. Rosa ist mit Irmgard schwanger, die im Dezember 1915 in Weilburg geboren wird.
Im November 1915 ziehen Fanny Bauer und Tochter Frieda nach Aachen und kommen hier im Haus Adalbertstraße 43 unter. In diesem Haus wohnen bereits Fannys Töchter (und Friedas Schwestern) Lina und Clementine.
Selma, Erna und Norbert wohnen weiter im Haus Bahnhofstraße 27. Julius bleibt Soldat im Heer bis Anfang 1916.
Oktober 1916: Rosa, Sabine Auguste, Brunhilde wohnen im Haus Ahäuser Weg 10. Moritz verstirbt im Juli 1916 in einem russischen Lager, Rosa weiß vom Tod ihres Mannes.
Julius, Selma, Erna und Norbert wohnen im Haus Bahnhofstraße 27. Julius kehrt Anfang 1916 von der Front nach Weilburg zurück, um eine Verwundung auszukurieren. Er begibt sich zu diesem Zweck in die Schweiz, doch die Bemühungen bleiben erfolglos. Julius kehrt nicht mehr in den Krieg zurück und verbleibt bis zum Kriegsende 1918 in Weilburg. Selma ist mit Joachim schwanger, der im Dezember 1916 in Weilburg geboren wird.
Oktober 1917: Rosa, Sabine Auguste, Brunhilde und Irmgard wohnen im Haus Bahnhofstraße 11.
Julius, Selma, Erna, Norbert und Joachim leben im Haus Ahäuser Weg 10. (Bis 1938 bleibt das Haus Ahäuser Weg 10 fortan die Heimstatt der Familie Julius Bauer.)
31. August 1918: Rosa und ihre Töchter Sabine Auguste, Brunhilde und Irmgard verlassen Weilburg und ziehen nach Wolfhagen (Nordhessen) um. Wolfhagen wird für viele Jahre neuer Lebensmittelpunkt der Familie.
Trotz dieser detaillierten Auflistung bleiben noch manche Fragen offen, zum Beispiel: Warum haben nicht beide Familien das Haus Ahäuser Weg 10 bewohnt, in dem ausreichend Platz für zwei Familien gewesen wäre? Hat es hierzu eine Absprache zwischen Moritz und Julius gegeben? Wovon haben die in Weilburg Verbliebenen gelebt, nachdem kein Viehhandel mehr stattfand? Warum ist Rosa mit ihren Töchtern nach Wolfhagen gezogen? …