Die Familien Bauer in Aachen und in Kassel und Umgebung
Die nachfolgende Darstellung stützt sich vor allem auf Mitteilungen der Stadtarchive Aachen und Kassel und diverser Stadtverwaltungen.
Aachen
Dass Fanny Bauer und ihre Tochter Frieda sich am 09.11.1915 in Weilburg abmeldeten, nach Aachen umzogen und dort im Haus Adalbertstraße 43 unterkamen, hatten vor allem folgende Gründe: In Aachen lebten seit Jahren Clementine Bauer und Lina Levano geb. Bauer, beide Töchter von Fanny Bauer bzw. Schwestern von Frieda Bauer.
Es ist nicht bekannt, wann Clementine Bauer, geboren am 24. Mai 1876 in Weilburg, nach Aachen kam. Noch vor dem Ersten Weltkrieg kaufte sie mit ihrer Schwester Lina Levano geb. Bauer, geboren am 12. November 1883 in Weilburg, das Schuhgeschäft „Leo Berg“ in der Adalbertstraße 43.
Lina war zu einem unbekannten Zeitpunkt über Hannover nach Aachen gekommen. Hier lernte sie ihren zukünftigen Mann Eduard Levano kennen, den sie am 7. Juni 1912 in Aachen heiratete.
Clementine, Lina und deren Ehemann Eduard führten das Geschäft gemeinsam, ab 1915 war auch Schwester Frieda an der Leitung des Geschäfts beteiligt.
Nach dem Krieg heiratete Clementine am 17. März 1922 in Aachen den Ingenieur Richard Katzenstein, die Eheleute hatten keine Kinder. Nach der Eheschließung wurde auch Richard in die Führung des Geschäfts einbezogen.
Im Haus Adalbertstraße 43 befand sich nun nicht nur das Schuhgeschäft „Leo Berg“, es wohnten darin auch Fanny Bauer mit Tochter Frieda, die Eheleute Katzenstein sowie die Familie Levano. Die Levanos hatten schließlich sechs Kinder, von denen eines mit zweieinhalb Jahren starb.
Fanny Bauer verstarb am 23. Juli 1921 im Haus Adalbertstraße 43, ihr Leichnam wurde nach Weilburg überführt und dort auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.
1928 eröffneten die Levanos ein eigenes Schuhgeschäft und zogen aus dem Haus Adalbertstraße 43 aus. Eduard verstarb 1933 an Tuberkulose.
Ab 1928 leiteten Frieda und die Eheleute Katzenstein das Geschäft „Leo Berg“ bis zum Novemberpogrom 1938, kurz danach wurde das Geschäft „arisiert“.
Anfang 1939 emigrierte Frieda nach England, im März 1939 emigrierten die Eheleute Katzenstein nach Belgien. 1941 starb Richard an einem Gehirntumor. Am 10. Oktober 1942 wurde Clementine von dem Lager Mechelen nach Auschwitz deportiert.
Vier Levano-Kinder (Rena, Lotte, Werner und Marion) konnten emigrieren: Rena und Lotte nach Palästina, Werner nach Dänemark und Marion nach Belgien.
Ende 1939 zog Lina mit ihrem jüngsten Kind, Günter, von Aachen nach Hamburg. Am 6. Dezember 1941 wurden Lina und Günter von Hamburg nach Riga deportiert.
Kassel und Umgebung
Am 31.08.1918 verließ Rosa Bauer geb. Kander mit ihren Töchtern Sabine Auguste, Brunhilde und Irmgard Weilburg und zog nach Wolfhagen, Triangelstraße 15 um. Über die Hintergründe dieser Entscheidung kann man nur spekulieren: Warum verließ Rosa mit ihren Töchtern überhaupt Weilburg? Warum wählte sie das nordhessische Wolfhagen als neuen Wohnort? Vielleicht, weil das Ehepaar Siegfried und Bertha Kann in Wolfhagen ansässig war. Bertha Kann war eine Schwester Rosas.
Wolfhagen wurde so neuer Lebensmittelpunkt der vierköpfigen Familie und blieb es für viele Jahre. Über den Alltag in Wolfhagen, zum Beispiel den Schulbesuch der Töchter, ist nichts überliefert. 1929 vermelden die Unterlagen eine erste wichtige Veränderung in der Familie: Irmgard, damals knapp 14 Jahre alt, meldete sich am 16.10.1929 in Kassel, Gießbergstraße 7, an. Unter dieser Adresse verbarg sich das Israelitische Waisenhaus Kassel. In Wolfhagen verblieben die Mutter Rosa und die Töchter Sabine Auguste und Brunhilde. Irmgard lebte im Israelitischen Waisenhaus bis 1933. Über die Hintergründe für diesen Umzug ist nichts bekannt.
Ab 1933 wird die Aktenlage zur Situation der Familie zunehmend unübersichtlich, lückenhaft und widersprüchlich: Als nächste verließ Brunhilde Wolfhagen und meldete sich am 15.08.1933 in Kassel an.
Um 1934 verließ Rosa Wolfhagen. In einer eidesstattlichen Erklärung, die nach dem Krieg abgegeben wurde, findet sich sogar die Feststellung, Rosa habe Wolfhagen verlassen müssen, ohne dass dies aber näher erläutert wurde. In den nachfolgenden vier Jahren zog Rosa recht häufig um, in den Unterlagen finden sich Ortsnamen wie Vöhl, Salzkotten, Bielefeld und Schloss Neuhaus (Paderborn). Am 31.08.1938 meldete sich Rosa schließlich in Kassel an, das sie bis zu ihrer Deportation 1941 nicht mehr verließ. Bis zu ihrer Deportation (1941) lebte sie in Kassel unter 5 verschiedenen Adressen, ihre letzte Adresse lautete Untere Königstraße 77.
Mit Rosas Auszug aus ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Wolfhagen ging die Zeit der Bauer-Familie in Wolfhagen 1934 offensichtlich zu Ende: Rosa kehrte Wolfhagen den Rücken, die beiden Töchter Brunhilde und Irmgard waren schon vorher nach Kassel gezogen.
Und was war mit Sabine Auguste, der ältesten Tochter? Über ihre frühen dreißiger Jahre ist nichts bekannt. Etwa ab 1935 lebte sie im Haus des kinderlosen Ehepaars Jakob und Selma Kaufmann in Zierenberg. Selma war eine Schwester ihrer Mutter. Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Haus der Kaufmanns schwer verwüstet, noch im Jahr 1938 verließen Jakob und Selma Kaufmann und Sabine Auguste Zierenberg und zogen nach Kassel. Sabine Auguste lebte hier bis zu ihrer Deportation (1941) unter verschiedenen Adressen. Ihre letzte Adresse lautete Untere Königstraße 77, Mutter Rosa und Tochter Sabine Auguste teilten sich eine Wohnung.
Am 9. Dezember 1941 wurden Rosa Bauer und ihre Tochter Sabine Auguste von Kassel nach Riga deportiert, Rosa kam in Riga zwischen 1941 und 1945 zu Tode. Sabine Auguste wurde am 09.08.1944 in das Konzentrationslager Stutthof überstellt, Tod in Stutthof am 04.12.1944.
Brunhilde und Irmgard emigrierten auf verschiedenen Wegen über die Niederlande nach Palästina: Brunhilde meldete sich am 27.05.1934 nach den Niederlanden ab und erreichte über verschiedene Stationen 1935 Groningen. Von Groningen emigrierte sie 1935 oder später nach Palästina. Irmgard meldete sich am 04.10.1933 nach den Niederlanden ab und erreichte über verschiedene Stationen schließlich Amsterdam. Von hier aus emigrierte sie 1940 nach Palästina.