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Zur Geschichte der Familie Jonas und Fanny Bauer

Als die Synagoge Weilburg am 9. Mai 1845 eingeweiht wurde, zählte die „Israelitische Cultusgemeinde Weilburg“, so ihr amtlicher Name, 93 Mitglieder: In Weilburg waren 54 Mitglieder ansässig und weitere Juden in den drei „Filialorten“: in Löhnberg 17, in Waldhausen 4 und in Merenberg 18. In den nachfolgenden Jahrzehnten nahm die Zahl der in Weilburg lebenden Juden stetig zu und erreichte im Jahr 1885 mit 220 ihren Höchststand. Innerhalb von vierzig Jahren vervierfachte sich also deren Zahl, die Gründe für diesen ungewöhnlichen Anstieg sind unbekannt.

Die Namen einiger großer Familien sind verbürgt: So waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allein vier Familien Jessel (Jeßel) in Weilburg wohnhaft, die 21 Kinder hatten. Und zwei Familien Joel hatten 12 Kinder. Die mit Abstand größte Familie war die von Jonas und Fanny Bauer geb. Markus. Jonas Bauer, der 1837 in Leihgestern bei Gießen geboren wurde, ließ sich mit seiner Frau Fanny, die aus Schupbach stammte, zunächst in Weilmünster nieder. Hier wurde 1870 als erstes Kind Sohn Hermann geboren. Kurz danach zog die noch kleine Familie nach Weilburg um. Hier wurden dem Paar weitere 11 Kinder geboren, sodass die Familie schließlich insgesamt 12 Kinder zählte. Als letztes Kind wurde Frieda 1889 geboren.

Das vermutlich in Weilburg aufgenommene Foto zeigt die gesamte Familie Bauer: die Eltern Jonas und Fanny Bauer und ihre 12 Kinder. Frieda sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Fanny. Nach Friedas Alter zu urteilen, dürfte die Aufnahme um 1890 entstanden sein.

 

Jonas Bauer war Viehhändler, sein Name findet sich schon früh in einigen Schriftstücken des Historischen Archivs Weilburg. Der Viehhandel brachte ihm bald einigen Wohlstand: Während die Familie noch im Jahr 1875 zur Miete im Haus Niedergasse 4 wohnte, kauften die Eheleute Bauer 1876 das Haus Nr. 43 in der Straße „Hinter der Mauer“. Zum Zeitpunkt des Kaufes zählte die Familie 5 Kinder: 1876 war Clementine als fünftes Kind zur Welt gekommen, nach Hermann (1870), Hilda (1871), Louis (1873) und Albert (1874).

Anfang der achtziger Jahre zog die Familie in das Haus „Hinter der Mauer“ Nr. 45 um, das offensichtlich größer und geräumiger war. Die Häuser Nr. 43 und Nr. 45 lagen etwa dort, wo sich heute in der Straße „Über dem Hainberg“ das Haus Nr. 15 befindet. Weilburg war damals wesentlich kleiner als heute, es zählte 1875 nur 2834 Einwohner. Die Häuser Nr. 43 und Nr. 45 lagen am Rande der Stadt und waren so für die Nutzung durch einen Viehhändler oder einen Landwirt durchaus geeignet. So wurde das Haus Nr. 43 von einem Landwirt übernommen. Das Haus Nr. 45 blieb im Besitz der Familie Bauer bis zum Jahr 1908. Es bot Platz für die sich weiter vergrößernde Familie, es besaß aber auch Stallungen und eine Remise für den Viehhandel.

 

Nachdem die Zahl der in Weilburg lebenden Juden 1885 mit 220 ihren Höchststand erreicht hatte, nahm danach die Zahl der Juden ebenso kontinuierlich wieder ab: 1905 zählte man 135 Juden und im Jahre 1910 noch 119 Juden. Auch in der Familie Bauer vollzog sich eine ähnliche Entwicklung. Bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 lebten in Weilburg nur noch Fanny, Frieda, Moritz und Julius Bauer; der Familienvater Jonas Bauer war bereits 1903 verstorben. Alle anderen Söhne und Töchter wanderten aus Weilburg ab, die meisten in deutsche Großstädte, zum Beispiel nach Hamburg, Hannover und Frankfurt/Main. Einige wagten sogar die Emigration und wanderten nach Übersee aus, in die USA und nach Südamerika. Zum Beispiel Albert Bauer.